Fußgänger- und fahrradfreundliches Aachen?

Aachen freut sich erneut zusammen mit anderen Kommunen „fußgänger- und fahrradfreundlich“ zu sein. Auf den ersten Blick ist das bestimmt lobenswert.

Ist man in Aachen jedoch Fußgänger und Radfahrer und liest den Beitrag des ADFC von Norbert Rath, macht man wirklich dicke Backen.

Das Fazit des Beitrags fällt entsprechend aus:

Das Städte nicht von heute auf morgen zu fußgänger- und fahrradfreundlichen Gebieten umgebaut werden können, ist jedem klar. Aber wenigsten bei Neubauvorhaben sollten die Anforderungen von Fußgängern und Radfahrern auf dem Niveau der aktuellen technischen Regelwerke, welche den Stand der Technik wiederspiegeln, umgesetzt werden.

Ich bin ganz dieser Meinung und schüttele bei manchen Neubauprojekten arg mit dem Kopf. Oft erinnere ich mich dann an „Arrogance of Space“ von Copenhagenize. Aachens Platzverteilung ist in der Regel immer noch absolut auto-dominiert und vermeindlich fahrradfreundliche Installationen wie ARAS oder Radschutzstreifen sind auch bei kompletten Straßensanierungen nicht durchdacht. So wird zum Beispiel bei der Sanierung der Bismarckstraße zwar erfreulicherweise beidseitig ein Radschutzstreifen markiert, wenn man sich die Bemaßungen und erforderlichen Sicherheitsabstände ansieht, fällt jedoch auf, dass die Planung theoretisch okay, praktisch jedoch nicht funktional ist.

Lebendiges-Aachen.de schreibt „Die Fahrbahn für den Autoverkehr ist fünf Meter breit, damit können Pkw aneinander vorbeifahren, ohne auf den Schutzstreifen auszuweichen.“ Dies stimmt soweit, suggeriert jedoch, dass die Radschutzstreifen dann auch gleichzeitig von Radfahrern benutzt werden könnte. Die Wahrheit ist jedoch rein rechnerisch eine andere: befinden sich auf beiden Radschutzstreifen Radfahrer in der neugebauten Bismarckstraße, so kann unter Berücksichtigung der Sicherheitsabstände für Radfahrer nicht mal guten Gewissens mehr ein Auto dazwischen fahren, geschweige denn zwei. In diesem Fall hätten die Autos also faktisch Überholverbot. Ich kenne die Situation aus dem Alltag: Sicherheitsabstände werden – wenn es das Layout der Straße nicht hergibt, wie in diesem Fall – nur sehr selten eingehalten. Überholt wird dann trotzdem. Und zwar mit teilweise unfassbar geringen Abständen. Diese „Gefährdung by Design“ hat dabei oftmals nur einen Grund: den allgemeinen Parkdruck. Wenn jedoch die Auto-Parkfreundlichkeit über die Sicherheit von Radfahrern gestellt wird, so ist für mich Aachen noch ein gutes Stück davon entfernt, wirklich fahrradfreundlich zu sein.

Update 5. Januar 2015:
Mein Beitrag ist noch keine 24 Stunden alt, da flattert mir ein Artikel von Urbanist auf den Bildschirm, in dem in einem Interview von der Berliner Polizeiarbeit hinsichtlich des Radverkehrs hingewiesen wird. Darin sagt C. Burkhardt:

Sie werden eine solche Situation des knappen Überholens nicht zu hundert Prozent vermeiden können. […] Aus der Praxis heraus kann ich jedoch nur raten, jetzt mal die rechtliche Betrachtungsweise beiseite lassend, in Situationen, in denen es eng wird, mal rechts ran zu fahren, anzuhalten oder die Fahrbahn zu verlassen. Denn es nutzt mir überhaupt nichts, wenn ich Recht habe, aber unter dem Auto liege.

Die Polizei rät also dazu die Fahrbahn zu verlassen, obwohl es dort doch angeblich am sichersten wäre? Auf dem Gehweg ist das Fahren aber verboten und man muss schieben. Für mich ist das erneut ein Argument dafür, hinsichtlich des baulich getrennten Radwegs Kopenhagen als Vorbild zu nehmen.

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