Vom nicht hören wollen und nicht hören können

Seit einem Jahr fahre ich viel Zug. Laut unaufgeforderten Auswertung der Deutschen Bahn waren es im Jahr 2017 etwa 37.000 Kilometer, die ich autofrei vor Allem zwischen der deutschen Westküste und Bayern pendelte. Da ich in diesen vielen Stunden gerne meine Ruhe habe, buchte ich immer das sogenannte Ruheabteil im ICE. Offenbar scheint Menschen der Unterschied zwischen einem Ruheabteil und einem normalen Abteil deutlich weniger schlüssig, als zwischen einem Raucher- und einem Nichtraucherbereich. Leider.

Da auch freundliche Bitten an Mitreisende, doch im Ruheabteil bitte ruhig zu sein oftmals eher auf Empörung über die Bitte, als Erstaunen über die eigene Platzwahl resultierten, entschied ich mich zu einem Kauf. Zu einem Kauf eines Accessoires, das ganz offenbar viele Dauerbahnfahrer besitzen und sichtbar tragen: Noise-Cancelling-Kopfhörer. Diese Kopfhörer versprechen, Umgebungsgeräusche passiv und aktiv zu hemmen, was auch ganz anständig funktioniert. Leider bedeutet anständig in diesem Fall keinesfalls das Gleiche, wie perfekt. Ich hörte also noch viel. Für meinen Geschmack teilweise zu viel.

So passierte es, dass ich mich für ein neues Paar dieser Kopfhörer interessierte, die nicht nur kleiner, leichter und praktischer erschienen, sondern zudem tatsächlich noch schalldichter waren. Ein dänischer Hifi-Elektronik-Produzent baut eine Art elektronische Oropax, die man sich in die Ohren steckt, mit dem Smartphone per Funk koppelt und dann derart verblüffend gut Geräusche filtern, dass man auch in geräuschhaften Umgebungen nahezu taub ist. Um dann bei Bedarf doch wieder hören zu können, haben diese Kopfhörer mit einem Druck auf das linke Ohr einen sogenannten „Transparenz-Modus“, wodurch sie akustisch durchlässig werden. Mikrophone an der Außenseite leiten dann die Geräusche elektronisch ans Ohr weiter. Dadurch kann man seine Umgebung für das Ohr ein- und ausschalten. Taub on demand. Ein bißchen, wie im Film „Das Geheime Leben der Worte“ – nur eben andersherum.

So saß ich da im Regionalexpress zwischen Köln und Aachen, noch im Anzug und ohrverstöpselt und hörte gutgelaunt dem teilweise absurden Humor von Florentin Will im Podcast „Das Podcast UFO“ zu. Mir gegenüber saß ein älterer Herr mit kleinem Reiseköfferchen, beiger Kleidung, wie ältere Herren eben beige tragen, einer glänzenden Brille, einem stattlichen Schnauzbart und perfekten, dritten Zähnen. Vermutlich wäre ich irgendwann einfach ausgestiegen, wir hätten uns wortlos zur Verabschiedung zugenickt und ich hätte meinen Koffer nach Hause geschoben, wie ich es immer mache, wenn ich spät abends in Aachen eintreffe. Aber plötzlich sprach er mich an.

Zunächst sah ich nur, dass er mich gestikulierend ansprach, denn ich hatte mich ja per Elektronik gegen jegliche Akustik meiner direkten Außenwelt entschieden. Ich tippte auf mein linkes Ohr, um ihn hören zu können. Er sprach laut und freundlich. Jedoch wie jemand, der sich selbst nicht hören kann, dachte ich. Noch aus Zivildienst und Studium wusste ich ungefähr, wie gehörlose Menschen sprechen. Und so kamen wir ins Gespräch – auf eine ganz besondere Art und Weise. Während ich dies schreibe, wird mir erneut bewusst, wie eigentlich absurd diese Situation war und ihm diese Absurdität nicht klar sein konnte.

Er ist 78 und wohnt nur zehn Fußminuten vom Aachener Hauptbahnhof in einer schönen 3-Zimmer-Wohnung mit Balkon. Vor seiner Rente arbeitete er als technischer Zeichner in einer Baufirma und hat dabei gut verdient. Von seiner Frau lebt er schon eine Weile getrennt, was er offenbar nicht so schlimm fand. „Frauen kosten nur Geld“, sagte er lachend. Sein einziger Sohn ist mit 38 Jahren bei einem Autounfall verstorben, als im ein Reh vor den Wagen lief, der Sohn auswich und sich mit dem Auto überschlug. Tod deutete er immer unterstützend dadurch an, dass er seine Handkante über seinen Kehlkopf gleiten ließ. Sein Hobby war das Boxen, bis sein Arzt es ihm verboten hat. Ansonsten wäre er aber gesund und hatte noch nie eine Operation gehabt. Er wurde in Duisburg geboren und verlor im Alter von einem Jahr sein Gehör, antwortete er mir auf meine Frage zu seiner Gehörlosigkeit. Sein Vater ist schon 96 und er besucht diesen manchmal. Seine Mutter lebt nicht mehr. Handkante – Kehlkopf. Er erklärte mir die Reihenfolge der Haltestellen und woran man auch im Dunkeln die Bahnhaltestellen zwischen Köln und Aachen erkennen kann. Zum Beispiel an dem beleuchteten Parkhaus in Stolberg. Wir verabschiedeten uns und gaben uns die Hand, als ich einen Haltepunkt vor Ihm den Zug verlassen musste.

Es war ein sympathisches Gespräch. Sehr sogar. Aber es war besonders, denn er konnte seit 77 Jahren nichts mehr hören – nicht einmal sich selbst. Auch konnte er mich nicht hören. Und ich hörte ihn durch den Transparenz-Modus meiner selbstgewählten Elektrotaubheit. Obwohl sehr viel dagegen sprach, dass wir überhaupt ein Gespräch führen konnten, funktionierte es irgendwie. Vielleicht aber nur deswegen sehr gut, weil wir beide uns Mühe gaben, uns gegenseitig zu verstehen.

Genau das hat mich berührt. Mir fällt sehr häufig auf, dass einige – formal gesunde – Menschen Kommunikation als das reine Absondern einer Audiospur begreifen, ohne daran zu denken, dass Zuhören das wichtigere Element der Kommunikation wäre. Noch wichtiger als das aber wäre, verstehen zu wollen, was der andere eigentlich sagt. Oder sagen wollen würde, wenn er könnte. Offenbar gibt es analog zu funktionalen Analphabeten (Menschen, die zwar Buchstaben lesen, aber keinen Text verstehen) auch funktional Hörgeschädigte, also Menschen, die zwar ihr volles Gehör haben, aber weder das Gesagte, noch das Gemeinte verarbeiten können.

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