Mein letzter Beitrag zum Thema Radverkehrspolitik

In den letzten Tagen ist mir klar geworden, dass je mehr ich über die Themen „lebenswerte Stadt“, „Radverkehrsanteil“ und so weiter nachdenke, ich zunehmend Lust am Radfahren verliere. Warum? Weil ich viele Straßen deutscher Großstädte für falsch konstruiert halte, der aktuelle oder noch mehr Autoverkehr nicht positiv für eine Großstadt sind, gleichzeitig aber viele Methoden und Maßnahmen, die in die richtige Richtung weisen sollen, aus meiner Sicht falsch sind. Meine Erfahrung basiert auf Aachen. Aber vermutlich lässt sich diese Erfahrung auch auf andere deutsche oder europäische Städte übertragen.

Ausgangslage
Viele Straßen in deutschen Großstädten sind voll mit ruhenden und fließenden Kraftfahrzeugen. Aktuell noch zu >95% durch fossile Brennstoffe angetrieben und durch Brems- und Reifenabrieb erzeugen diese Fahrzeuge eine große Menge Schadstoffe von Stickstoff bis zu Feinstaub. Diese Umweltgifte verschulden dreimal mehr Tote in Deutschland, als direkt Unfallopfer des Verkehrs, auch wenn diese nicht durch die Unfallstatistiken abgedeckt werden.

Eine Lösung
Der Modal Split, also die Verteilung der Nutzung unterschiedlicher Transportmöglichkeiten soll zugunsten emissionsärmerer Wege optimiert werden. Also mehr Fuß, mehr Fahrrad, mehr ÖPNV. Und für den MIV (motorisierten Individualverkehr=Auto, Motorrad, etd.) gilt: gerne mehr Elektro. Das ist ein großartiges Ziel und in der utopistischen Variante eines komplett nachhaltig und ökologisch bestromten, motorisieren Verkehrs sehr verführerisch. Das ist aber Utopie und nicht Realität.

Am Beispiel Aachen sah die Entwicklung seit 1990 jedoch so aus, dass statistisch manche Menschen vom zu Fuß gehen auf den Bus umgestiegen sind. Beim Auto- und Fahrradanteil hat sich laut Erhebung zum Modal Split von 1990 bis 2011 fast nichts verändert. Elektrisch sind meistens Fahrräder (Pedelecs), bisher kaum Autos und nur ein einziger Bus (Stand 02/2015).

Warum nicht mehr Fußgänger?
Statistisch haben wir in Aachen gesehen, dass die Menschen nicht fleißiger werden, was den Gang zu Fuß angeht. Zum Einen werden die Wege immer weiter, weil man mehr räumliche Flexibilität im Berufsleben erwartet, zum anderen sind Autos sehr günstig geworden (einen Dacia-Neuwagen gibt es für ca. 7.000 €) und manche Einkäufe erscheinen zu Fuß als sehr mühselig.

Warum ist die Lösung nicht eMIV?
Aachen setzt sich sehr stark für den elektro-motorisierten Individualverkehr ein und in Aachen werden tolle Elektrofahrzeuge entwickelt und gebaut (Escooter, E-Go). Ich selbst habe mir einen Escooter aus der Nähe angeschaut und finde ihn für Transporte großartig, einen Renault Zoe bin ich probegefahren und fand ihn ebenfalls toll! Leider haben Elektroautos noch das Problem der Reichweite und des Preises. Vielleicht zwei von mehreren Argumenten, warum sich Elektromobilität im Autobereich nur schleppend durchsetzt. Ich selbst fahre in Aachen zu 99% Rad, habe aber einen PKW für längere Strecken, die mit einem eAuto nicht ohne längere Zwischenstops zu bewältigen wären. Auch Car-Sharing wäre dann keine Option für mich, weil ich – wenn ich mit dem Auto wegfahre – dann auch mal länger unterwegs bin. In solchen Momenten scheidet auch der Zug aus, weil ich zuviel Equipment (=Zeug) mitnehmen muss.
Selbst wenn Elektroautos mehr Begeisterung fänden, lösten Sie nicht das Problem des Platzes während des Betriebes und der statistischen 23 Stunden des täglichen Stillstandes. Kurz: Ein E-Auto verbraucht genausoviel Platz, wie ein herkömmliches Auto. Und Platz ist und bleibt knapp.

Warum nicht mehr ÖPNV?
Busse gibt es in Aachen derzeit (fast) nur Diesel-betrieben. Die Wiedereinführung der Straßenbahn („Campusbahn“) wurde in Aachen per Bürgernentscheid verhindert. Viele Busse sind voll und die Linien zu Spitzenzeiten ausgreizt. Zudem kommt natürlich, dass Busse nicht immer dann und nicht immer dahin fahren, wohin es grade gehen soll. Die Elektrifizierung wird allerdings dauern.

Warum nicht mehr Fahrrad?
Aus eigener Erfahrung weiß ich nun, dass sich nicht nur Wege in Aachen mit dem normalen Fahrrad, als auch etwas bequemer mit dem Pedelec bestreiten lassen, als auch Einkäufe oder ander ander Transportfahrten gut mit dem Lastenrad oder – wenn man kein Lastenrad kaufen möchte – mit einem Fahrradanhänger leisten kann. Viele Besorgungen ließen sich mit dem Fahrrad genauso schnell wie mit dem Auto, viel bequemer als zu Fuß und viel einfacher als mit dem ÖPNV transportieren. Aber warum passiert dieser Wandel in vielen Städten nicht? Warum ist der PKW immer noch das vorherrschende Mittel der Mobilitätswahl?

Unterstützung von E-Mobilität?
Die STAWAG (Stadtwerke Aachen) unterstützt E-Mobilität finanziell. Wer ein Pedelec oder E-Bike neu anschafft, erhält z.B. 100 €, bei einem E-Auto sind es 500 €. Bei einem günstigen Anschaffungspreis erhält man einen Zuschuss von maximal ca. 10 %. Das ist sehr erfreulich! Für gebrauchte Fahrzeuge gibt es leider keinen Zuschuss. Von städtischer Seite gibt es meines Wissens nach aktuell noch keinen monetären Anreiz.

Ist das nicht alles nur eine Frage der Zeit?
Die Utopie der 100% E-MIV und 100% E-ÖPNV ist nicht unrealistisch. Aber ist das wirklich die Lösung? Nein. Das ist maximal die Lösung der Emissionsfrage. Nachhaltige Mobilität und lebenswerte Städte sehen immer noch etwas anders aus. Denn auch ein E-Auto benötigt viel Platz und verletzt oder tötet Menschen bei einem Unfall.

Darum wird das mit der aktuellen Aachener Strategie nichts  mit dem Radverkehr:

1. Das falsche Ziel: der Radverkehrsanteil soll in Aachen bis 2020 deutlich erhöht werden, dabei geht es eigentlich um die Reduktion der Belastungen durch den Autoverkehr.
2. Die falsche Kennzahl als Indikator: Der Modal Split zählt nur Wege und dazu genutzte Verkehrsmittel. Entfernungen werden nicht berücksichtigt.
3. Die falsche Messmethode: Die Erhebung zum Model Split erfolgt per Fragebogen in der Stadt Aachen und der näheren deutschen Umgebung. Viele Menschen, die mit Bus, Bahn, Rad und Auto in die Stadt kommen, werden hier überhaupt nicht erfasst.
4. Die falsche Herangehensweise 1: Der Modal Split soll zugunsten des Rades verändert werden. Man ist jedoch nicht bereit, dem Autoverkehr Flächen abzunehmen.
5. Die falsche Herangehensweise 2: Die Stadt Aachen versucht, Radfahren durch das Einrichten von Radschutzstreifen beliebter zu machen, die statistisch gesehen sicherer, gefühlt aber unsicherer sind. Die Statistik selbst ist jedoch derart von einer Drittvariable beeinflusst, dass ich persönlich die gesamte Datenbasis in Frage stelle. Die Radschutzstreifen dürfen von Autos bei Bedarf überfahren werden. Halten ist ebenfalls darauf erlaubt. In der Realität wird hier auch gerne geparkt und der Radfahrer zum Ausscheren in den Autoverkehr gezwungen.
6. Das falsche Design: Straßen werden auch so neu geplant, dass anerkannte Sicherheitsabstände zwischen Auto und Fahrrad permanent unterschritten werden. Mögliche Potentiale, das Fahrrad zum bestmöglichen Verkehrsmittel in Aachen zu machen, werden nicht gehoben.
7. Zu wenig Schubkraft: Die Stadt Aachen investierte in den letzten Jahren deutlicher weniger als die empfohlenen 8-10 € pro Einwohner für Fahrradinfrastrukturen. Für 2015 wurde das Budget im Vergleich zum Vorjahr nochmals halbiert. Das Budget liegt nun bei ca. 1,25 € pro Einwohner pro Jahr.

Um es mit den Worten von Gil Penalosa zu sagen:
Baut endlich Städte für 8-jährige Kinder und 80-jährige Menschen, nicht für 30-jährige Athleten!

2 Gedanken zu „Mein letzter Beitrag zum Thema Radverkehrspolitik“

  1. Schade, dass Sie fast nur schreiben was falsch IST, nicht, was Sie für richtig erachten.
    Der Modal Split wird überall so erfasst ?.
    Was ist falsch am Ziel, den Radverkehrsanteil zu erhöhen?
    Bei allen Schutz- oder Radfahrstreifen wird dem Autoverkehr Platz weggenommen.
    Die Führung auf der Fahrbahn ist für schnelle Radler ( und für Fußgänger) deutlich sicherer als im Seitenraum. Fragen Sie doch mal beim Gesamtverband der Versicherer, Herrn Ortlepp. Beim Sicherheitsgefühl und an der Rücksicht beim Überholen müsste mehr geschehen.
    Gesellschaftliche Mehrheiten gehören zu einer Demokratie. Das erfordert die Mitarbeit und Zusammenarbeit all derjenigen, die die Situation für den Radverkehr verbessern wollen.
    Die Gegner des Radverkehrs freuen sich, wenn die Befürworter sich öffentlich streiten. Kommen Sie lieber in die AG Radverkehr!

    1. Um die genannten Ziele zu erreichen, halte ich ein Umdenken und konsequentes Handeln in mindestens der genannten 7 Punkte für erforderlich. Für richtig erachte ich den abschließenden Satz „Baut endlich Städte für 8-jährige Kinder und 80-jährige Menschen, nicht für 30-jährige Athleten!“

      Der Modal Split mag überall so erfasst werden, aber er erfasst eben nur das, was der Modal Split eben erfasst, wie ein IQ nur sinnvoll einen IQ abbildet, aber nicht mit Intelligenz gleichzusetzen ist. Ein hoher Radverkehrsanteil im Modal Split bedeutet NICHT zwangsläufig, dass weniger KFZ in den Straßen fahren oder stehen. Insbesondere in einer Stadt mit hohem Touristenverkehr sagt der statistisch korrekt erfasste Modal Split wenig über die tatsächliche Situation auf der Straße (siehe http://joerg-albrecht.de/2015/radverkehrsanteil-aachen-2/).

      „Bei allen Schutz- oder Radfahrstreifen wird dem Autoverkehr Platz weggenommen.“ Diese Aussage halte ich für nicht richtig. In Aachen existieren nur wenige Radfahrstreifen. Die meisten neuen Anlagen sind Radschutzstreifen. In der Regel werden hierfür keine Autofahr- oder parkspuren geopfert, sondern lediglich die Spuren schmaler gezeichnet mit einem rechts angelegten Schutzstreifen, auf dem das Halten erlaubt und das Parken stark geduldet wird. Die Flächenverteilung hat also faktisch nicht stattgefunden, der Radfahrer durfte oder sollte ja auch schon vorher auf der Straße fahren.

      Die Führung auf der Fahrbahn ist bestimmt für „schnelle Radler“ sicherer, aber nicht für alle Radler. Da Aachen Steigungen hat, werden normale Radfahrer zu langsamen Radfahrern mit deutlich stärkeren Pendelbewegungen. Hier bezweifle ich, dass es sicherer ist, geschweige denn, dass es sich sicherer anfühlt. Ich kenne persönlich junge Menschen in Aachen, die das Radfahren aufgrund des mangelnden Sicherheitsgefühls ablehnen und lieber auch kurze Strecken mit dem Auto fahren. Zum Thema Sicherheit von Autofahrern, Radfahrern und Fußgängern habe ich bereits anderweitig etwas verfasst (siehe http://joerg-albrecht.de/2014/achtung-drittvariable-verkehrsstatistik/).

      Zum Thema „Rücksicht beim Überholen“ müsste zunächst einmal das Layout der Verkehrsführung so angelegt werden, dass es nicht dazu anregt, Sicherheitsabständ permanent zu unterschreiten. Gerne zeige ich Ihnen Stellen in Aachen, wo 9 von 10 Radfahrern auf einem Schutzstreifen fahrend permanent von zu dicht fahrenden Autos gefährdet werden. Das Unterschreiten von Sicherheitsabständen möchte ich nicht einer demokratischen Diskussion stellen.

      Zuletzt möchte ich festhalten, dass ich mich nicht zum Thema öffentlich streite, sondern lediglich öffentlich meinen Standpunkt erkläre. Warum öffentlich und schriftlich? Weil ich meine Aussagen gerne dem Diskurs stellen möchte. Sie dürfen meine Kritiken und Anregungen gerne in den AG Radverkehr nehmen und gerne dürfen Sie mich auch dazu einladen.

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